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Territorial Pissings

2013

I hate my hair and I want to die 

„Ich möchte Teil einer Jugendbewegung sein. Ich möchte mich auf euch verlassen können, lärmend mit euch durch die Straßen rennen“ heißt es in einem Song der Band Tocotronic – Teil einer Jugendbewegung zu sein, das verspricht Freiheit, Unbekümmertheit, Selbstfindung, Zugehörigkeit und Rebellion.

Max Hänischs Arbeit „I hate my hair and want to die“, deren Titel ein Album der Goons of Doom zitiert, kreist um eben jene Identitätsentwürfe, die sich, während sie versuchen sich der Konformität zu entziehen, der Homogenität einer narzisstischen Subkultur unterwerfen.  Ein Schriftzug aus gekautem Kaugummi, ein Verweis auf die Bubblegum Culture, postuliert: „All my idols had long hair“. Die individuelle Unangepasstheit, die das „long hair“ symbolisiert, wird jedoch bereits in ihrer Formulierung entwertet, da Hänisch von allen Idolen als Kollektiv spricht: Nicht absolute Individualität bestimmt die Idee der Subkultur, sondern vielmehr die Homogenität im Rebellischen. Eine Collage aus Polaroids mit dem Selbstbildnis des Künstlers, die auf der Fotografie eines Prunkaltars arrangiert sind, wirken wie ein narzisstisches Kreisen um die eigene Identität. Die Idee des Selfies, das als zeitgenössisches Mittel der Selbstdarstellung und der Selbsterkenntnis funktioniert, verweist sowohl auf Jugendkultur als auch auf die ironische Verortung des Künstlers in seiner Arbeit.

Die Abgrenzung der eigenen künstlerischen Position und Person gegenüber der Produktion anderer findet sich in der fortlaufenden Serie „Territorial Pissings“, Zitat eines Nirvana Songs, wieder. Mit der archaischen und stereotypen Geste des „Reviermarkierens“ durch öffentliches  Urinieren vor den Klassenräumen von anderen Künstlern der Kunsthochschule findet Hänisch ein plakatives Bild des sich Abgrenzens. Die humorvolle Polemik der gestellten Bilder treiben die Fragestellungen der Arbeit auf die Spitze: Wie funktioniert Abgrenzung und Positionierung im künstlerischen Produktions- und Findungsprozess? Die pseudo-dokumentarische und -biografische Form, die Hänisch wählt, lässt einen erweiterten Rahmen der Identifikation des Betrachters mit dem Künstler zu, die diesen letztendlich auf Fragen der Selbst-Verortung innerhalb popkultureller Konstruktionen zurückwirft.

Ann-Charlotte Günzel